Sehr geehrter Herr F.-W. Junge,

 

Zuerst möchte ich meine Bewunderung für Ihr Lebenswerk bekunden und Ihren bedeutenden Anteil am Dresdner Kulturleben schon seit 1966, also nunmehr das 45. Jahr hervorheben.

Aber ich bin verwundert über Ihre Realitätsferne bezüglich förderungswürdiger Vereine in Dresden.

Völlig verunsichert hat mich Ihr Artikel vom 07.04.2011 in der Sächsischen Zeitung

http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2733976

Glauben Sie mir, ich habe mit meinen Freunden mindestens soviel Eintrittsgeld bei Ihren Veranstaltungen als bei Dynamo Dresden gelassen.

Ich bin der festen Überzeugung, das kein anderer Verein in Dresden, womöglich auch in Sachsen eine derartige Effizienz hat wie der hier ansässige Dresdner Traditionsverein Dynamo Dresden.

Statt Synergien zu bündeln, wie es beispielsweise Tom Pauls versteht, spalten Sie mit Ihrer Hexenjagd auf den wohl beliebtesten Verein der neuen Bundesländer.

Über 5000 Mitglieder sprechen eine eigene Sprache, Kleinsponsoren, die eher Ihren Angestellten mal den Lohn später zahlen, als den verein finanziell hängen zu lassen.

Was glauben Sie, wieviel Zeit, Geld und Energie die Menschen in diesen Verein investieren?

Wie Sie trauerten im Mai 1995, weil alle ahnten, dass es nun Jahrzehnte der Drittklassigkeit geben könnten. Das war echte Trauer keine Inszenierung.

 

Ihre Inszenierungen und Stücke waren all die Jahrzehnte erstklassig, Herr Junge? Immer? Jeden Tag? Jede Stunde? Sie sind perfekt? Sie dürfen urteilen und über den Dingen stehen? Sind Sie Gott?

Sie sind Gott!

„ Sie hat ein vorderes Stück- Sie hat ein hinteres Stück- und geht das Vordere nach vorn- geht das Hintere zurück- aber ach , Sie kann nicht kochen“ das war einst eine Ihre Paraderollen , welche Sie vortrugen mit nie dagewesenem Charme und Esprit-

heute muss ich feststellen

„aber ach- Er ist ein Hetzer „

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat Sie Ihr neuestes Ein-Mann-Stück nach Dostojewski:

Der Traum eines lächerlichen Menschen“ derart beeinflusst, dass Sie sich auf diese Weise in der wichtigsten sächsischen Tageszeitung zu Wort melden mussten.

Sie sollten solche Rollen besser nicht mehr spielen, wenn Sie dann derart von Unruhe getrieben handeln.

Wo wären Sie denn mit Ihrem Theaterkahn hingeschwommen, dessen künstlerischer Leiter Sie bis 2005 waren, wenn Ihnen die Stadt Dresden jedes Jahr die Liegezeitenpreise Ihres Hausbootes auf der Elbe erhöht hätte, oder ganz die Zuschüsse gekappt hätte vermutlich hätten Sie lange auf dem "Trockenen" gesessen mit Ihrem Hausboot oder wären abgetrieben an Radebeul vorbei bis hinein in die Weltstadt Dessau. Vermutlich wäre uns Ihr unüberlegter Kommentar in der SZ erspart geblieben und Sie könnten in der Lokalredaktion irgendeines Provinzblatt blühende Kulturlandschaften fordern..

Genau sieht es aus mit dem Fußballstadion in Dresden- es geht allein um die Mietkostenübernahme.

Wer bezahlt denn die 9!!! Hauptamtlichen Mitarbeiter des kleinen Theaterkahns ,die horrenden Honorare der auftretenden Künstler, die Neben- und Liegekosten , sowie sämtliche Wartungs-, Instandsetzungs- und Reparaturarbeiten ? höchstwahrscheinlich alles die Stadt. Und bei 216 Plätzen, selbst eine Auslastung von 100% und 200 Veranstaltungen im Jahr kommt man da auf maximal 43200 verkaufte Eintrittskarten.

Zusätzlich erhält der Theaterkahn jährlich eine Förderung von 100 000 € aus dem Haushalt der Stadt.

 

 

Die Stadt Dresden finanziert weder die Honorare der festangestellten Mitarbeiter und Spieler , sondern lediglich einen Großteil der Stadionmiete von Dynamo Dresden.

Bei bisher 267 631 verkauften Eintrittskarten hat die Stadt Dresden bereits weitere 264 954,69 durch das VVO- Kombiticket (0,99€ pro Ticket) eingenommen und die Saison 2010/11 ist noch nicht zu Ende.

 

Diese 267 631 Zuschauer kaufen in Dresden ein, verzehren, und kaufen beispielsweise binnen 3 Tagen 1953 Trikots für über 50€ das Stück um Ihren Verein zu unterstützen.

 

Versuchen Sie es doch mal mit einem Philharmonie-T-Shirt oder einer Friedrich-Wilhelm Junge- Mütze. Eine Fahne der Staatsoperette Leuben liese sich bestimmt ebenfalls super verkaufen oder ein Aufkleber für die Autoheckscheibe mit der Aufschrift „ Ich liebe den Baustil unsere Synagoge in Dresden“

 

Welche Dresdner Kultureinrichtung könnte überleben, wenn nicht die Mieten und Nebenkosten aus dem Stadthaushalt finanziert würden. Welcher Dresdner Verein oder welches Dresdner Theater wirtschaftet überhaupt kostendeckend?

Vermutlich lediglich die privaten Häuser, wie z.B. die Komödie oder das Kabarett Breschke&Schuch.

 

Sie werfen dem Verein Dynamo Dresden Drittklassigkeit vor?

Es gibt zu viele Hooligans in Dresden?

Damit haben Sie leider Recht, wenn Sie die rein sportliche Situation meinen und darüber sind wir ja auch alle maßlos enttäuscht!

Und Hooligans gibt es sicher auch, nennen wir Sie besser unreife Fans, der Anteil liegt vielleicht bei Dynamo bei 20 im Schnitt, also bei z.B. 20 000 Zuschauer sind das gigantische 0,1% das sind etwa ein Fünftel der Leute die die MLPD wählen.

Ich schreibe Ihnen das weil Sie ja ein Liebhaber der Metapher sind, Herr Junge.

Und als Anspielung, dass wir, die Liebenden des Dresdner Fußballvereins unser demokratisches Wahlrecht nicht gebrauchen, so stellen Sie sich doch mal in Dresden irgendeiner demokratischen Wahl- wir würden Ihnen persönlich schon das entsprechende Ergebnis vermitteln- rein demokratisch natürlich.

Womöglich würden die 20 Möchtegernhooligans von Dynamo woanders Samstagnachmittag viel mehr Unheil machen als wenn Sie beim Fussball sind. So haben sich diese 20 Leutchenchenchen Samstagabend kontrolliert ausgetobt und schlafen 20 Uhr friedlich bei Mutti.

 

Aber Ihre Philharmonie, die Ihnen derart am herzen liegt und die ohne jeden Zweifel erstklassig ist, verschlingt seit Jahren mehr als 10 Millionen Euro,

2010 sogar gigantische 11 599 850,00 €.

Und das seit Jahrzehnten! Also vermutlich etwa 250 000 000,00   Euro seit 1989.

Bei einem städtischen Zuschuss von 13 699 850 Euro stehen Einnahmen von 2 100 000 gegenüber.

( http://www.dresden.de/media/pdf/haushalt/haushalt09_10/3_GB4_VW.pdf Seite 22)

Jetzt fordern Sie eine neue, eigene Spielstätte? Respekt – ist ja nicht ihr Geld. Bei der Staatskapelle werden die Zahlen ähnlich sein.

 

 

Aber es wundert mich nicht, sie waren ja auch schon 1997 Gründungsmitglied

des Förderkreises zum Wiederaufbau der Dresdner Synagoge. Ich will hier auf keinen Fall antisemitisch wirken, aber gelungen halte ich den Bau nicht und was die Erhaltung allein der Sicherheitstechnik den Steuerzahler jährlich kostet, möchte ich nicht wissen

 

Noch ein Beispiel, die Staatsoperette in Leuben, die braucht jährlich einen Zuschuss

Seit Jahren benötigt die Staatsoperette Dresden, mit Verlaub , allerhöchstens ein zweitklassiges Ensemble einen städtischen Zuschuss von mindestens 11 Millionen Euro

(http://www.dresden.de/media/pdf/haushalt/haushalt09_10/3_GB4_VW.pdf Seite 14)

Oder der neueste Schrei, das Festspielhaus Hellerau, für viele, viele Millionen saniert,

erhält einen Zuschuß von mehr als 2,8 Millionen Euro, allein für den Betrieb .

http://www.dresden.de/media/pdf/haushalt/haushalt09_10/3_GB4_VW.pdf Seite 25

Haben Sie sich mal gefragt , wie viele ehrenamtliche Mitglieder das Festspielhaus Hellerau hat, wie viele es in Dresden oder gar in Deutschland kennen, wie viele Internetbesucher diese webseite hat …. Dafür 2,8 Mill jährlich- setzen Sie dort an Herr Junge, nicht bei Dynamo!

Dazu kommen in Dresden bekannter Weise noch Kreuzchor, Leonhardi-Museum, alle Museen im Allgemeinen und die Theater der jungen Generation, der Kreuzchor , das Kunsthaus, die Grafikwerkstatt, sowie Kosten der Musikfestspiele und und und… Semperoper und alle Schauspielhäuser sowie kleiner Kultureinrichtungen wie Putjatinhaus oder Rudi Arndt nicht zu vergessen.

 

Kurz noch zu meiner Person, ich erwarb im Jahr 2004 das Schloß Nickern von der Stadt Dresden für 270 000 Euro und wollte ebenfalls Kultur machen für jung und alt, aber ich bekomme eben keine Fördermittel , wie all die Häuser, die Sie ein leben lang finanzierten, denn in den wenigsten Fällen werden Sie ja ohne Gage aufgetreten sein.

Ich kann mir daher so teure Honorare nicht leisten, bezahle allein ca. 30 000 € im Jahr für Reparaturen und Nebenkosten und würde gern dieses Objekt wieder abgeben- weil Kultur nicht funktioniert ohne Fördermittel. Übernehmen Sie doch hier das Ruder!

Somit ist auch das Schloß Nickern sicher aus Ihrer Sicht eine drittklassige oder fünftklassige Einrichtung, die schon allein deshalb niemals städtisch gefördert werden dürfte.

Und ich kann Sie somit auch nicht mehr zu einem Auftritt ins Schloß Nickern einladen,

da ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, den Zuschauern nicht zumuten und ich Ihnen die Buh-Rufe aufgrund Ihres fortgeschrittenen Alters nicht zumuten kann.

Außerdem würden Sie ja niemals in einem nur drittklassigen Haus auftreten.

Denn Ihnen liegt es ja sowieso mehr sich eher für die schon Starken stark zu machen, als „Drittklassigkeit“ zu unterstützen.

 

Also weiter so, Herr Junge, mit der Förderung von ineffizienten Großprojekten in der Stadt Dresden, die, wie ich nun mit Bedauern feststelle, tatsächlich nicht Ihre Heimatstadt ist.

 

Aber ich möchte Ihnen jegliche Illusion nehmen Herr Junge auch Sie, selbst Sie bekommen Dynamo nicht weg aus Dresden, das haben schon ganz andere versucht.

 

Empfindlich beleidigte Grüße

André Vogt

Schloß Nickern in Dresden

www.schloss-nickern.de